Neandertaler

Neandertaler - Stamm - Tiere
Neandertaler

Erstaunt unterbrachen die Männer ihre Arbeit. Beim Schaufeln in einem Steinbruch hatten sie ein paar Knochen entdeckt. Ob das Bärenknochen waren? Sie sammelten einige der Überreste auf und setzten ihre Arbeit fort.

Diese Szene spielte sich vor ungefähr 160 Jahren im Neandertal bei Düsseldorf ab. Heute ist dieser Ort weltberühmt. Die Arbeiter hatten nämlich nicht die Überreste eines Bären gefunden, sondern Knochen eines Urmenschen. Dieser Urmensch erhielt nach dem Fundort den Namen Neandertaler.

Neandertaler: JÄGER DER EISZEIT

Neandertaler lebten vor etwa 120.000 bis 30.000 Jahren in Europa, Afrika und Asien. Große Teile Europas lagen zu dieser Zeit unter einer Eisschicht. Die Neandertaler waren mit ihrem massigen Körper und den kurzen, aber sehr robusten Armen und Beinen gut an die Kälte angepasst.

Die muskelbepackten Körper der Neandertaler, die sicher kräftiger waren als unsere, verbrauchten viel Energie. Neandertaler ernährten sich deshalb hauptsächlich von Fleisch. Als hervorragende Jäger erlegten sie große Säugetiere wie Mammut, Wollnashorn oder Höhlenbär, die im eiszeitlichen Europa lebten und mit dem Ende der Eiszeit ausgestorben sind – vielleicht haben die damaligen Menschen diese Tiere ausgerottet. Das bis zu vier Meter große Mammut mit seinen riesigen Stoßzähnen war eine besonders beliebte Beute, die nicht nur riesige Mengen Fleisch lieferte. Aus den Knochen stellten Neandertaler z. B. Pfeilspitzen her. Im eiszeitlichen Europa lebten auch Rentiere, eine Hirschart, die heute nur noch weiter im Norden vorkommt. Mit den Fellen dieser Tiere konnten sich die Neandertaler bekleiden, und aus ihren Geweihen machten sie schlagkräftige Keulen.

Anpassung an die Kälte

Ein großer, gedrungener Körper mit kurzen Gliedmaßen und kleinen Ohren gibt wenig Wärme ab. Ein solcher Körperbau ist auch für arktische Tiere von Vorteil. Ein Polarfuchs z. B. ist größer als ein Wüstenfuchs, er hat kleine Ohren und einen kurzen Schwanz. Der Wüstenfuchs (oder Fennek) dagegen hat große Ohren und einen feingliedrigen Körperbau.

Neandertaler in der Steinzeit

Die Neandertaler lebten in der Steinzeit. Sie machten Werkzeuge aus Feuerstein: Faustkeile, Speerspitzen, Klingen zum Schneiden und Schaber, mit denen sie die Rückseite von Fellen reinigten. Zur Herstellung dieser Geräte wurden von einem Feuersteinkern Stücke abgeschlagen.

Unterschlupf suchten die Neandertaler in Höhlen oder unter Felsvorsprüngen, wo sie auch den Großteil der sehr rauen Winter verbrachten. Sie versammelten sich um Feuerstellen, die wärmten und gefährliche Raubtiere fern hielten. Zur Nahrungsbeschaffung unternahmen sie ausgedehnte Jagdzüge. Das Sammeln pflanzlicher Vorräte wie Nüsse oder Wurzeln war bei ihrer Vorliebe für Fleisch wohl eher Nebensache.

Neandertaler und Kunst

Neandertaler hatten eine flachere Stirn als der moderne Mensch und ausgeprägte Überaugenwülste. Ihre Mundpartie ragte weiter vor als bei uns, während das Kinn fast völlig fehlte. Trotz dieser robusten äußeren Erscheinung darf man Neandertaler nicht einfach für primitive Menschen halten. Ihr Gehirn war sogar ein bisschen größer als unseres. Neuere Funde zeigen, dass Neandertaler schon eine Art Kultur mit Ritualen besaßen. Sie bestatteten z. B. ihre Verstorbenen und machten sich also wohl Gedanken um den Tod und das Jenseits.

Die meisten Forscher sind der Ansicht, dass Kunst für die Neandertaler keine besondere Rolle spielte. Man hat z. B. keine Höhlenmalereien von diesen Eiszeitmenschen gefunden. Sehr geheimnisvoll ist allerdings ein flötenartiges Instrument, das man 1996 in einer Höhle in Slowenien entdeckte. Es wurde aus dem Oberschenkelknochen eines Bären geschnitzt und ist zwischen 43.000 und 82.000 Jahre alt. Spielten Neandertaler also auf Knochenflöten Musik? Sehr interessant ist auch eine etwa 35.000 Jahre alte Steinmaske, die vor kurzem in einer Höhle in Frankreich gefunden wurde. Die mit einem Knochensplitter verzierte Maske zeigt das Gesicht eines Menschen oder das eines Tieres, vielleicht einer Katze.

Hatten Neandertaler eine Sprache?

Neandertaler konnten wahrscheinlich schon sprechen. An ihrem Schädelbau kann man ablesen, dass ihre Zunge beweglich genug war, um die vielen Laute der menschlichen Sprache zu erzeugen. Auch der Kehlkopf, dem wir unsere Stimme verdanken, hatte schon eine ähnlich tiefe Lage wie bei den modernen Menschen.

Neandertaler, unsere Vorfahren?

Vor circa 40.000 Jahren tauchte ein anderer Menschentyp in Europa auf: der moderne Homo sapiens, also Menschen wie wir. Er war vor rund 100.000 Jahren aus Afrika gekommen und verbreitete sich über die ganze Welt. In Europa und im Nahen Osten traf er auf den Neandertaler, mit dem er Tausende von Jahren gleichzeitig lebte. Unbekannt ist, ob es zu direkten Begegnungen zwischen den beiden Kulturen kam, ob z. B. Schmuck oder Werkzeug ausgetauscht wurden.

Vor etwa 30.000 Jahren starben die Neandertaler aus. Hatten sie sich zuvor mit den modernen Menschen vermischt? Fließt vielleicht in jedem von uns ein bisschen Neandertalerblut? Der Streit darüber tobte unter Wissenschaftlern lange und heftig, doch scheint er jetzt entschieden. Die Erbsubstanz aus dem Oberarmknochen des berühmten Fundes aus dem Neandertal wurde untersucht. Die relativ großen Unterschiede zu unserer Erbsubstanz zeigen: Unsere Ahnen haben sich nicht mit Neandertalern vermischt.

Was ist Erbsubstanz?

Die Erbsubstanz oder DNA befindet sich im Zellkern. Sie bestimmt zum größten Teil unser Aussehen. Wie der Name schon sagt, wird die Erbsubstanz von den Eltern an die Kinder vererbt. Man kann die Erbsubstanz von zwei Menschen miteinander vergleichen und weiß dann, ob diese näher miteinander verwandt sind.

Das Ende der Neandertaler

Vielleicht kam es zwischen den modernen Menschen und den Neandertalern zu kriegerischen Auseinandersetzungen? Haben unsere Vorfahren die Neandertaler ausgerottet? Doch auch ohne Krieg und Streit lässt sich das Aussterben der Neandertaler erklären. Vielleicht haben sie nicht so viele Kinder bekommen wie der Homo sapiens. Oder ihre muskulösen Hände waren nicht geschickt genug beim Führen von Werkzeugen, um neben den modernen Menschen bestehen zu können. In der Entstehungsgeschichte der Menschen gab es viele Zweibeiner, die schließlich ausstarben.

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